Was ist ESR1 und welche Funktion hat es?

Das Gen ESR1 (Östrogenrezeptor 1) kodiert den Östrogenrezeptor α (ERα), einen ligandenaktivierten nukleären Transkriptionsfaktor, der als zentraler Mediator der Östrogensignalwege in hormonresponsiven Zellen fungiert.1,2 Als Mitglied der nukleären Hormonrezeptorfamilie reguliert ERα nach Östrogenbindung die Transkription zahlreicher Gene, die essenzielle zelluläre Prozesse wie Zellwachstum, Differenzierung und zelluläre Überlebensprozesse steuern.2

Die pathologische Relevanz von ESR1 zeigt sich besonders in der Onkologie: Beim Mammakarzinom stellt die ERα-Expression einen etablierten prädiktiven und prognostischen Biomarker dar. Etwa 70 % aller Mammakarzinome sind hormonrezeptorpositiv (HR+) und prinzipiell für eine endokrine Therapie geeignet.3

Struktur und Genetik von ESR1

Das ESR1-Gen ist auf Chromosom 6q25.1 lokalisiert und umfasst acht kodierende Exons. Diese kodieren ein Protein mit funktionellen Domänen: eine N-terminale Transaktivierungsdomäne (AF-1), eine zentrale DNA-Bindungsdomäne mit Zinkfinger-Motiven (DBD), eine Hinge-Region und eine C-terminale Ligandenbindungsdomäne (LBD) mit der Aktivierungsdomäne (AF-2).4-7

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Schematische Darstellung von ESR1 und den häufigen Mutationen (mod nach. Reinart et al. 2017)6

ESR1-Mutationen und endokrine Resistenz

Mutationen im ESR1-Gen (ESR1m), die überwiegend in der Ligandenbindungsdomäne lokalisiert sind, sind eine häufige Ursache der erworbenen endokrinen Resistenz beim HR+/HER2-Mammakarzinom. Diese Mutationen führen zu einer ligandenunabhängigen konstitutiven Aktivierung des ERα, wodurch proliferative Signalwege auch unter Östrogenentzug aufrechterhalten werden. Bei 20-40 % der Patient:innen mit mBC unter Aromataseinhibitoren (AI) entsteht eine ESR1m, häufig begleitet von einer verstärkten Progression und Metastasierung.8

Im metastasierten, hormonrezeptorpositiven Mammakarzinom (HR+ mBC) lassen sich wiederkehrende Hotspot-Mutationen in ESR1 identifizieren. Daten aus einer groß angelegten Genomic-Landscape-Analyse zeigen, dass von 11.616 im klinischen Routinekontext sequenzierten Brusttumorproben 1.183 Proben ESR1-Mutationen aufwiesen.9

Die 11 häufigsten ESR1m beim ER+ mBC9-11

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Diese Mutationen besitzen eine hohe klinische Relevanz, da sie den Verlauf der Erkrankung maßgeblich beeinflussen und die Wirksamkeit endokriner Therapien einschränken können.

Die häufigsten Mutationen sind Gain-of-Function Mutationen in der Ligandenbindungsdomäne des ERα. Diese führen zu einer konstitutiven Aktivierung des ER. Am häufigsten ist die Mutation D538G in Codon 538 mit einem Anteil von 33,2 % aller ESR1m, gefolgt von Y537S in Codon 537 (21,4 %) und E380Q in Codon 380 (8,5 %).9

Der Nachweis von ESR1m ist von zentraler Bedeutung für die Anpassung der Therapien und die Auswahl alternativer endokriner Behandlungsansätze. ESR1-Mutationen treten häufig subklonal auf und weisen eine ausgeprägte intratumorale Heterogenität auf, weshalb sie in Gewebebiopsien oftmals nicht zuverlässig nachweisbar sind.8 Dies unterstreicht den Stellenwert sensitiver Liquid Biopsy-basierter Verfahren zur verlaufsbegleitenden Bestimmung des ESR1m-Status.

Funktionen des Östrogenrezeptors α

Der Östrogenrezeptor α (ERα) ist ein etwa 66 kDa großes Protein mit 595 Aminosäuren. Er gehört zur Familie der nukleären Hormonrezeptoren und übernimmt zentrale regulatorische Funktionen in zahlreichen physiologischen Systemen sowie in der Entstehung und Behandlung endokrinbedingter Erkrankungen.7

ERα wirkt über genomische und nicht-genomische Signalwege. Beide Mechanismen sind für die Aufrechterhaltung der Gewebehomöostase ebenso relevant wie für die Entstehung von Erkrankungen:

Transkriptionsregulation:

ERα fungiert als ligandenabhängiger Transkriptionsfaktor.

Nach Bindung von Östrogen interagiert der Rezeptor mit spezifischen DNA-Sequenzen. Dadurch reguliert er die Expression zahlreicher Zielgene.12

Gewebespezifische Wirkungen:

Die Expression von ERα ist gewebespezifisch unterschiedlich ausgeprägt. Hauptsächlich wird der ERα in Uterus und Ovar, der Brust, der Niere, dem Knochen, weißem Fettgewebe und der Leber exprimiert.13 Diese Unterschiede erklären die variablen biologischen Effekte der Östrogensignalgebung.

Tumorbiologie:

Zentrale Rolle in der Entstehung und Progression von Mammakarzinomen und Endometriumkarzinomen; therapeutisches Ziel endokriner Therapien14

Schnelle Signaltransduktion:

Ein Teil des ERα ist an der Zellmembran lokalisiert. Dort vermittelt der Rezeptor schnelle, nicht-genomische Signalwege, die z.B. metabolische Prozesse beeinflussen.15

Integration der Signalwege:

Die Kombination aus nukleären und membran-initiierten Effekten ermöglicht eine fein abgestimmte Regulation von Zellwachstum, Differenzierung und Überleben.16,17

Stoffwechsel:

Regulation des Glukose- und Fettstoffwechsels sowie der Energiehomöostase18

Immunsystem:

Modulation angeborener und adaptiver Immunantworten sowie Schutz vor Autoimmunreaktionen19

Abkürzungen

AF-1/2: Aktivierungsdomäne; AI: Aromatase-Inhibitor(en); AKT: Serin/Threonin-Kinase AKT (Protein); AKT1: Serin/Threonin-Kinase AKT 1 (Gen); DBD: DNA-Bindungsdomäne mit Zinkfinger-Motiven; DNA: Desoxyribonukleinsäure; ER: Östrogenrezeptor; ERα: Östrogenrezeptor alpha; ESR1: Östrogenrezeptor 1 (Gen); ESR1: Östrogenrezeptor 1 (Protein); ESR1m: Mutationen des ESR1-Gens; kDA: Kilodalton; LBD: Ligandenbindungsdomäne; mBC: metastasiertes Mammakarzinom; PI3K: Phosphoinositid-3-Kinase (Protein); PIK3CA: Phosphoinositid-3-Kinase katalytische Untereinheit alpha (Gen); PTEN: Phosphatase- und Tensin-Homolog (Gen); PTEN: Phosphatase- und Tensin-Homolog (Protein)

  1. Patel JM et al. Nuclear Receptors in Human Health and Disease. 2022
  2. Basu G, et al. Breast Cancer Research (2026) 28:40.
  3. Rezvani H, Health Sci Rep. 2025;15;8(7):e71062.
  4. Ensembl, Transcript: ESR1-201, https://www.ensembl.org/Homo_sapiens/Transcript/Summary?g=ENSG00000091831;r=6:151807682-152103274;t=ENST00000206249 Letzter Zugriff: Juli 2026.
  5. Kumar R. et al J Amino Acids. 2011;2011:812540.
  6. Reinart T, et al. Front Oncol. 2017;7:26.
  7. Saha T, et al Front Oncol. 2025;15:1513225.
  8. Brett JO, et al. Breast Cancer Res. 2021;23(1):85.
  9. Rinaldi J et al. PLoS One. 2020;15(5):e0231999.
  10. Chen X, et al. 2018. WO2018033615A1.
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  18. Isola J et al Adv Geriatr Med Res. 2023;5(2):e230005.
  19. Chakraborty B et al. Endocr Rev. 2023;44(1):117-141.

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IB-Nummer: DE-97799/07-26

Gültig bis: 22.07.2028