HER2 beim Mammakarzinom

Bedeutung und Prävalenz von HER2 beim Mammakarzinom

Der Biomarker HER2 spielt eine zentrale Rolle in der Diagnostik und Therapie des Mammakarzinoms. Lange Zeit wurde hinsichtlich der HER2-Proteinexpression klinisch nur zwischen HER2-positiv und HER2-negativ unterschieden.1 Bis zu ~85 % der Brustkrebstumoren galten damit als HER2-negativ und waren von HER2-gerichteten Therapien ausgeschlossen.2 In den letzten Jahren hat sich jedoch ein differenzierteres Verständnis der HER2-Expression durchgesetzt. Neue immunhistochemische Kategorien wie HER2-low und HER2-ultralow erweitern das diagnostische Spektrum und sind wichtig, um geeignete Therapieentscheidungen zu treffen.3,4

 

Die klinische HER2-Klassifikation umfasst heute ein Kontinuum von HER2-positiv über HER2-low und HER2-ultralow bis hin zu HER2-null.3,4

1.3.2-03-tumorerkrankungen-HER2-Mamma-grafik-spektrum-1.webp
Erweiterung des klinisch relevanten HER2-Spektrums (mod. nach Curigliano G et al. 2024)15

Etwa 50 % der historisch als HER2-negativ eingestuften Mammakarzinome weisen einen HER2-low Status auf; die Prävalenz von HER2‑ultralow Brustkrebs wird mit 15–20 % veranschlagt.5–14

*Der HER2-ultralow Status ist aktuell nur beim inoperablen oder metastasierten hormonrezeptorpositiven Brustkrebs von therapeutischer Relevanz.⁠14
# Die angegebenen Prävalenzen wurden aus publizierten Werten der Quellen 5–14 berechnet.
Δ HER2-0 wird manchmal auch als HER2-zero bezeichnet.12

 

Wie sind HER2-low und HER2-ultralow definiert?

HER2-low Brustkrebs wird vom ESMO-Expert:innen-Panel in einem Consensus Statement definiert als IHC 1+, also schwache, partielle Membranfärbung bei > 10 % der Tumorzellen, oder IHC 2+/ISH–, also schwache, komplette Membranfärbung bei > 10 % der Tumorzellenmit negativem Ergebnis in der In-situ-Hybridisierung.⁠3 Das heißt, es handelt sich dabei um Tumoren, die eine gewisse Überexpression des HER2-Proteins aufweisen, welche jedoch nicht auf eine HER2 (ERBB2) Genamplifikation zurückzuführen ist.⁠3

1.3.2-01-tumorerkrankungen-HER2-Mamma-icon-HER2-low2x.webp
1.3.2-01-tumorerkrankungen-HER2-Mamma-icon-membranfaerbung2x.webp

HER2-ultralow Brustkrebs wird definiert als IHC 0 mit Membranfärbung, also schwacher, partieller Membranfärbung bei ≤ 10 % der Tumorzellen.3 Das bedeutet, dass schon ab der ersten Tumorzelle mit Membranfärbung ein HER2-ultralow Status vorliegt.

Die Unterscheidung dieser Subgruppen erfordert eine präzise immunhistochemische Beurteilung. Besonders die Differenzierung zwischen HER2-low, HER2-ultralow und HER2-null ist anspruchsvoll, aber für eine adäquate Therapieentscheidung von großer Bedeutung.16

Studien und Leitlinien-Empfehlungen zur HER2-Testung beim Mammakarzinom

Die von der American Society of Clinical Oncology mit dem College of American Pathologists herausgegebenen ASCO/CAP-Leitlinien dienen als Grundlage für die HER2-Diagnostik beim Mammakarzinom.17,18

 

Etablierter HER2 Scoring-Algorithmus – neue Interpretation

Der HER2 Scoring-Algorithmus zur Bewertung des HER2-Status beim Mammakarzinom gemäß ASCO/CAP-Leitlinien ist seit Jahren etabliert.17,18 Allerdings sind Patholog:innen angesichts der klinischen Relevanz von Tumoren mit geringer und minimaler HER2-Überexpression (HER2-low bzw. HER2-ultralow) nun gefordert, im unteren Teil des HER2-Spektrums (zwischen IHC 0, IHC 1+ bzw. 2+/ISH–) noch präziser und reproduzierbarer zu unterscheiden.⁠16,19 Eine der größten Herausforderungen dabei liegt in der Variabilität und Empfindlichkeit der derzeitigen Testmethoden.19 Die ASCO/CAP-Leitlinie aus dem Jahr 2023 hat dieses Problem erkannt und bietet Empfehlungen für die klinische Praxis zur Unterscheidung von HER2 IHC 0 und IHC 1+.⁠17

Insbesondere die digitale Pathologie bietet die Möglichkeit, mittels KI-gestützter Bildanalyse einen repräsentativen Biomarker-Score auf Basis aller Tumorzellen im gesamten Probenmaterial auf einem Objektträger zu bestimmen und damit sowohl die Tumorheterogenität bestmöglich abzudecken als auch wenige gefärbte Zellen sicher zu erfassen.

1.3.2-03-tumorerkrankungen-HER2-Mamma-grafik-evaluation2x.webp
Aktueller Algorithmus zur Evaluation des HER2-Status (mod. nach Tarantino P et al. 2023 und Venetis K et al. 2022)3,4

Der hier abgebildete HER2 Scoring-Algorithmus zeigt die aktuelle klinische Interpretation in HER2-null, HER2-ultralow und HER2-low.3,4

Wichtiger Hinweis: Die Einführung von HER2-low und HER2-ultralow ändert für die Pathologie nichts an der praktischen Auswertung nach der etablierten ASCO/CAP-Leitlinie in Bezug auf die Bestimmung des IHC-Scores und ggf. des ISH-Status. Was sich jedoch ändert, ist die klinische Interpretation. Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V. (AGO)20 und die European Society For Medical Oncology (ESMO)21⁠ haben das HER2-low und das HER2-ultralow Konzept in ihre Brustkrebsleitlinien integriert.

 

Empfehlungen zum pathologischen Befundbericht

Die Ergebnisse der HER2-Testung sollten möglichst detailliert aufgeführt werden, um eine fundierte Therapieentscheidung zu ermöglichen. Folgende Angaben sollten enthalten sein:

Detaillierter IHC-Score (0, 1+, 2+, 3+)⁠3,16,17

ISH-Status (HER2 amplifiziert/nicht amplifiziert)⁠⁠3,17

Anteil der Tumorzellen [%] mit Membranfärbung bei IHC 0⁠22–24

Klinischer HER2-Status (HER2-null, HER2-ultralow, HER2-low oder HER2-positiv)20,23

Das CAP HER2 Biomarker Reporting Template23 und die AGO20 empfehlen, Brustkrebs mit IHC 1+ oder IHC 2+/ISH– im Befund als "HER2-low" zu kennzeichnen.

Analog sollte bei IHC 0 mit Membranfärbung (ab der ersten Tumorzelle) für Brustkrebs im Befund "HER2-ultralow" mit angegeben werden.⁠3 Eine enge Abstimmung zwischen Behandler:innen und Patholog:innen ist wichtig, um sicherzustellen, dass die Konzepte HER2-low und HER2-ultralow in der Diagnostik und im Pathologiebericht angemessen berücksichtigt werden. Diese detaillierte Klassifizierung ermöglicht eine präzisere Patientenidentifikation für innovative Behandlungsansätze.

 

Leitlinienempfehlungen zur HER2 (Re-)Testung

Bei allen neu diagnostizierten Patient:innen mit Brustkrebs soll ein HER2-Test durchgeführt werden. Bei Patient:innen, die eine metastasierende Erkrankung entwickeln, soll ein HER2-Test an einer Metastase durchgeführt werden, sofern eine Gewebeprobe verfügbar ist.17

IHC und ISH sind die wichtigsten Methoden zur Beurteilung des HER2-Status bei Brustkrebs.17

Beim metastasiertem Mammakarzinom sollte die Biopsie bevorzugt an einer Metastase durchgeführt werden, um den HER2-Rezeptorstatus zu bestimmen.20

Bei einem bereits vorliegenden HER2-0 (IHC 0) Status kann eine Nachbestimmung des HER2-Status sinnvoll sein, um zu schauen, ob nicht eigentlich ein HER2-ultralow Status vorliegt.20

Bei Patient:innen mit neu diagnostiziertem oder rezidivierendem metastasiertem Mammakarzinom sollte eine Biopsie der Metastase durchgeführt werden, um die Histologie zu bestätigen und erneut den Hormonrezeptor- und HER2-Status zu bestimmen.21,25

Bei signifikanten Unterschieden im Östrogenrezeptor(ER)/Progesteronrezeptor(PR)- und HER2-Status zwischen Primärtumor und Rezidiv sollten die Patient:innen entsprechend dem Rezeptorstatus der Rezidivbiopsie behandelt werden.25

Weitere therapeutisch relevante Biomarker, die im Rahmen der klinischen Routine untersucht werden sollten, sind

  • bei HER2-negativem metastasiertem Brustkrebs (mBC): HER2-low Status durch IHC/ISH, gBRCA1/2 und gPALB2-Mutationsstatus21
  • bei TNBC: PD-L1 Status21
  • bei HR+ HER2-negativem mBC: HER2-ultralow Status durch IHC und Mutationsstatus von PIK3CA, AKT1/PTEN und ESR1 (nach AI-Behandlung).21

Beim invasiven Mammakarzinom sollen in der Primärdiagnostik der Östrogen- und Progesteronrezeptorstatus sowie der HER2-Status bestimmt werden, vorzugsweise bereits an der Stanzbiopsie.24

Bei Verdachtsdiagnose eines lokoregionären Rezidivs soll zunächst eine histologische Sicherung mit erneuter Bestimmung von ER, PR und HER2 und ein komplettes Re-Staging erfolgen.24

Die HER2-Expression bei Brustkrebs ist dynamisch

Studien haben gezeigt, dass die HER2-low Expression bei Brustkrebs sehr dynamisch ist, wobei ein Teil der HER2-0 Tumoren zu HER2-low Tumoren wird und umgekehrt, z. B. bei einer Resterkrankung nach neoadjuvanter Therapie26 oder nach einem Rezidiv des Tumors.26–28

1.3.2-01-tumorerkrankungen-HER2-Mamma-grafik-veraenderung-her2-expression2x.webp
Veränderung der HER2-Expression vom primären Brustkrebs zum Rezidiv (mod. nach Miglietta F et al. 2021)27

In einer Kohorte von 547 Brustkrebspatient:innen wurde bei ca. 38 % eine Änderung des HER2-Status zwischen Primärtumor und Rezidiv festgestellt. Am häufigsten, in 15 % der Fälle, war ein Wechsel von HER2-0 zu HER2-low zu beobachten und bei 14 % von HER2-low zu HER2-0.27 Der HER2-positive Phänotyp bei primärem und rezidiviertem Brustkrebs änderte sich am wenigsten; in nur ca. 5 % der Fälle kam es zu einer Verringerung oder einer Zunahme der HER2-Expression.27

Diese Dynamik ist wahrscheinlich auf mehrere Faktoren zurückzuführen. So kann die HER2-Expression durch verschiedene Stimuli innerhalb der Tumormikroumgebung sowie durch die Auswirkungen einer vorherigen Behandlung moduliert werden.29 Auch präanalytische und analytische Herausforderungen bei der HER2-Testung können zu einer hohen Diskordanz bei der Beurteilung führen.29

 

Unabhängig von den beteiligten Faktoren unterstreicht diese Beobachtung die Notwendigkeit, den HER2-Status im Krankheitsverlauf der Patient:innen neu zu bewerten, selbst wenn der Tumor bei einer vorherigen Biopsie HER2-0 war, und es empfiehlt sich, die HER2-Testung möglichst am neuesten Probenmaterial durchzuführen und Biopsien Resektaten vorzuziehen.29,30

Abkürzungen:

ADC: Antikörper-Wirkstoff-Konjugat; AGO: Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V.; AKT1: Serin/Threonin-Kinase AKT 1 (Gen); ASCO: American Society of Clinical Oncology; BRCA1: Breast Cancer Associated Gene 1; BRCA2: Breast Cancer Associated Gene 2; CAP: College of American Pathologists; ER: Östrogenrezeptor; ERBB: v-erb-b2 erythroblastic leukemia viral oncogene homolog; ESMO: European Society for Medical Oncology; ESR1: Östrogenrezeptor 1 (Gen); HER2: humaner epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor 2; IHC: Immunohistochemie; ISH: In-situ-Hybridisierung; KI: Konfidenzintervall; PALB2: Partner and Localizer of BRCA2 (Gen); PD-L1: Programmed cell death ligand-1; PIK3CA: Phosphoinositid-3-Kinase katalytische Untereinheit alpha (Gen); PR: Progesteronrezeptor; PTEN: Phosphatase- und Tensin-Homolog (Gen); PTEN: Phosphatase- und Tensin-Homolog (Protein); TNBC: triple-negatives Mammakarzinom

  1. Wolff AC, et al. Arch Pathol Lab Med 2014;138(2):241–56.
  2. Tarantino P, et al. J Clin Oncol 2020;38(17):1951–62.
  3. Tarantino P, et al. Ann Oncol 2023;34(8):645–59.
  4. Venetis K, et al. Front Mol Biosci 2022;9:834651.
  5. Rüschoff J, et al. Mod Pathol 2017;30(2):217–26.
  6. Schettini F, et al. NPJ Breast Cancer 2021;7(1):1–13.
  7. Viale G, et al. ESMO Open 2023;8(4):1–11.
  8. Peiffer DS, et al. JAMA Oncol 2023;9(4):500–10.
  9. Hein A, et al. Eur J Cancer 2021;155:1–12.
  10. Untch et al. Colloquium Senologie 2023/2024. 1. Aufl. München: Lukon; 2023.
  11. Denkert C, et al. Lancet Oncol 2021;22(8):1151–61.
  12. Chen Z, et al. Breast Cancer Res Treat 2023;202(2):313–23.
  13. Mehta S, et al. J Clin Oncol 2024;42(16_suppl):e13156-e13156.
  14. Bardia A, et al. N Engl J Med 2024(391):2110–22 inkl. Supplement.
  15. Curigliano G, et al. ESMO Open 2024;9(4):102989.
  16. Ivanova M, et al. Virchows Arch 2024;484(1):3–14.
  17. Wolff AC, et al. J Clin Oncol 2023;41(22):3867-72.
  18. Wolff AC, et al. Arch Pathol Lab Med 2018;142(11):1364–82.
  19. Rüschoff J, et al. Arch Pathol Lab Med 2025;149(5):431–8.
  20. Kommission Mamma der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V; Diagnostik und Therapie früher und fortgeschrittener Mammakarzinome. Empfehlungen 2025.1D. Verfügbar unter https://www.ago-online.de/leitlinien-empfehlungen/leitlinien-empfehlungen/kommission-mamma. Letzter Zugriff: Februar 2026.
  21. ESMO Metastatic Breast Cancer Living Guideline, v1.2 April 2025; Verfügbar unter esmo.org/guidelines/living-guidelines/esmo-living-guideline-metastatic-breast-cancer/diagnosis-and-staging/biopsy-of-metastatic-lesion-to-confirm-diagnosis. Letzter Zugriff: Februar 2026.
  22. Denkert C, et al. Pathologie (Heidelb) 2023;44(Suppl 2):53–60.
  23. College of American Pathologists (März 2025). Cancer Protocol Templates. Verfügbar unter cap.org/protocols-and-guidelines/cancer-reporting-tools/cancer-protocol-templates. Letzter Zugriff: September 2025.
  24. S3-Leitlinie Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms. Version 5.0, Dezember 2025. Verfügbar unter https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Mammakarzinom_4_0/Version_5/LL_Mammakarzinom_Langversion_5.0.pdf. Letzter Zugriff: Februar 2026.
  25. Gennari A, et al. Ann Oncol 2021;32(12):1475–95.
  26. Miglietta F, et al. NPJ Breast Cancer 2022;8(1):66.
  27. Miglietta F, et al. NPJ Breast Cancer 2021;7(1):137.
  28. Tarantino P, et al. Eur J Cancer 2022;163:35–43.
  29. Bornstein-Quevedo L, et al. J Pers Med 2024;14(5):467.
  30. Shang J, et al. Transl Breast Cancer Res 2024;5:29.

Das könnte Sie auch interessieren:

IB-Nummer: DE-93928/04-26

Gültig bis: 08.04.2028